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München/Oberpfaffenhofen - "Deutschland hat ein unverschämtes
Glück!" Dr. Nikolai Dotzek vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt
(DLR) in Oberpfaffenhofen spricht nicht von Fußball. Der Wissenschaftler redet
von Wirbelstürmen. Genauer gesagt von zerstörerischen Tornados, die die Amerikaner
offensichtlich nicht für sich alleine gepachtet haben. Auch in Deutschland toben
sich die gefährlichen Winde in schöner Regelmäßigkeit aus: Zehn
bis 20 an der Zahl werden dem Wissenschaftler in Oberpfaffenhofen pro Jahr gemeldet.
"Und fast immer treffen sie auf unbewohnte Gebiete", wundert sich der DLR-Mitarbeiter
aus der Abteilung Wolkenphysik.
So auch am 23. März 2001: Kurz nach 16 Uhr streckt im Südwesten von München
aller Wahrscheinlichkeit nach ein ausgewachsener F 2 Tornado seinen Rüssel aus
einer Gewitterwolke. Just in dem Moment joggt ein Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes,
der Diplom-Meteorologe Werner Hellmiss, durch den Forstenrieder Park. Weil er von dem
Gewitter überrascht wird, sucht der 54-Jährige zunächst Schutz unter
einer Fichte, entschließt sich dann aber doch weiterzulaufen. Eine Minute später
reißt der Tornado die Fichte in Fetzen. Hellmess überlebt unverletzt.
Acht Minuten dauert das gefährliche Naturspiel im Süden Münchens: Der
Tornado bahnt sich mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern seinen
Weg von West nach Ost und überquert dabei auch die Autobahn 95 München-Garmisch
in Höhe Pullach. Wie durch ein Wunder wird niemand verletzt. Die Bilanz: 20.000
Festmeter Holz sind nach Angaben des Münchner Forstamts zu Bruch gegangen.
In der 2001er Statisitk des DLR-Wissenschaftlers Dotzek ist der Tornado im Münchner
Süden längst nicht der einzige: Am 3. August werden aus Bichl, Bad Tölz,
Rosenheim und Traunstein starke Winde gemeldet, die einen Baum nach dem anderen fällen:
"Probably downburst with short-lived tornado?!", heißt es dazu in Dotzeks
Archiv. Bereits im Mai und Juni werden Tornados in Gornau und Hankensbüttel gemeldet.
Am 6. August wiederum wütet ein Twister bei Osnabrück. Der letzte Wirbelsturm
des Jahres 2001 braust am 8. November durch den Teutoburger Wald.
Am häufigsten werden die Wirbelstürme laut Dotzek hierzulande in Nord- und
Westdeutschland sowie im Oberrheingraben beobachtet. Die Meldungen hätten in den
vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das führt der DLR-Mitarbeiter aber nicht
nur auf die vieldiskutierte Klimaerwärmung zurück. Verantwortlich macht der
35-Jährige dafür auch den Kinofilm "Twister": Der Katastrophenfilm
habe das öffentliche Interesse an Tornados deutlich erhöht, meint Dotzek,
der in Deutschland schon eine richtige "Stormchaser"(Sturmjäger)-Szene
beobachtet. Meist seien dies Meteorologie-Studenten, "die oft hunderte von Kilometern
den Gewittern hinterherfahren".
Unfreiwillig Zeuge eines Tornados in Bayern wurde am 16. Juli 1993 der Neuburger Hobby-Fotograf
Willi Krieger. Von seinem Haus im oberpfälzischen Nabburg aus beobachtet er, wie
ein "Twister" in der Nachbarstadt Pfreimd herunterging. Der Sturm richtete
dort Sachschaden in Millionenhöhe an. "Ich habe das kommen sehen", sagt
Krieger. "Plötzlich ist von oben ein enormer Schlauch hinuntergegangen, der
weißen Dunst nach oben gezogen hat." Er sei "völlig perplex"
gewesen. Kriegers Aufnahme ist eine echte Rarität: "Mir wurde gesagt, dass
es das einzige Foto ist, dass je in Bayern von einem Tornado gemacht worden ist",
sagt der 69-Jährige stolz.
In den USA gibt es etliche Aufnahmen von tödlichen Tornados. Die letzte große
Katastrophe ereignete sich im Mai 1999 in Kansas und in Oklahoma City. 46 Menschen
verloren ihr Leben, als gleich mehrere Wirbelstürme auf einmal - darunter auch
ein verheerender F 5 Tornado - ganze Stadtviertel dem Erdboden gleich machten. Der
schlimmste Tornado, den Deutschland in den vergangenen 40 Jahren gesehen hat, wütete
am 10. Juli 1968 in Pforzheim. Zwei Menschen kamen ums Leben. "Der Tornado ging
bis in den F 4 Bereich", weiß DLR-Wissenschaftler Dotzek. Der betroffene
Stadtteil habe danach ausgesehen "wie nach einem Luftangriff".
Von weiteren verheerenden Wirbelstürmen blieb die Bundesrepublik bis heute verschont.
Nach Ansicht von Nikolai Dotzek reines Glück. Hätte etwa der Sturm im vergangenen
März nicht den Forstenrieder Park sondern die Landeshauptstadt getroffen, wären
die Folgen womöglich weitaus schlimmer gewesen. Dotzek: "Wenn ein Tornado
über Stärke F2 eine Stadt trifft, gibt es wahrscheinlich viele Tote."Jörg
von Rohland joerg@sessionkreis.de |

Auch ein knappes Jahr nach dem schweren Tornado im Forstenrieder
Park sind die Schäden noch deutlich sichtbar. Diplommeteorologe Werner Hellmiss
steht neben dem Stumpf einer Eiche, in den zum Gedenken Datum und Uhrzeit des Sturms
eingraviert worden sind. Foto: von Rohland

Trümmerfeld: Werner Hellmiss an der Stelle, die er verlassen
hat, kurz bevor der Tornado die Bäume zerfetzte.

Wahrscheinlich der erste Tornado, der in Bayern im Bild
festgehalten wurde: Die Aufname gelang im Juli 1993 dem Hobbyfotografen Willi Krieger
im oberpfälzischen Nabburg.

"Deutschland hat ein uverschämtes Glück!"
Dr. Nikolai Dotzek vom
DLR Institut für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen
ist Experte auf dem Gebiet der Tornados.
Stichwort Tornado:
Tornados sind die heftigsten Windsysteme der Erde. Im Gegensatz zu
"Hurricans" oder "Taifunen", die einen Durchmesser von bis zu 1000
Kilometern erreichen, sind Tornados nur einige Dutzend bis einige hundert Meter breit.
Sie entstehen in gigantischen Gewitterwolken. Auf und Abwinde verzahnen sich ineinander
und bilden den gefährlichen, rotierenden Rüssel. Die so genannte Fujita-Tornado-Skala
stuft die Wirbel je nach Windgeschwindigkeit und der damit verbundener Schadenswirkung
in sechs Klassen:
F0 (leicht, unter 118 km/h)
F1 (mäßig, über 118 km/h)
F2 (stark, über 180 km/h)
F3 (verwüstend, über 253 km/h)
F4 (vernichtend, über 332 km/h)
F5 (katastrophal, über 418 km/h).
Acht Tornados, die in den USA die meisten Todesopfer forderten: März
1925, Missourie (689 Tote); Mai 1840, Natchez (317); Mai 1896, St. Louis (255); April
1936, Tupelo (216); April 1936, Gainsville, (203); April 1947, Woodward (181); April
1908, Amite, 143 Tote; Juni 1899, New Richmond (117)
Die Tordach-Datenbank von Nikolai
Dotzek gibt Aufschuss über zahlreiche Tornado-Ereignisse in Deutschland. |